Unterirdisch schön

In der Gegend um Anger, einer 150.000-Einwohner-Stadt im Westen Frankreichs findet man Siedlungsspuren schon seit der Steinzeit und es gab bzw. gibt noch immer recht viele Höhlenwohnungen. 
Zwei sehr unterschiedliche Erd-Reiche wollen wir heute erkunden;)

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Rochemenier-Village Troglodytique

Als Erstes stehen die Höhlen-Bauernhöfe bei Rochemenier auf unserem Plan. Im gefühlten Nirgendwo taucht ein 800-Seelen-Dorf auf. Und da gerade Bauarbeiten auf dem Parkplatz zur ‘Village Troglodytique’ stattfinden, fahren wir prompt vorbei – ups -*bissi-kloa-ois*
Dann aber doch gefunden, werden wir sehr freundlich empfangen und es gibt sogar einen sehr ausführlichen Handzettel auf Deutsch! Mega!! Mit dieser Aufklärungs-Fibel macht es richtig Spass die 20 von insgesamt 250 Räumen des Höhlendorfes anzuschauen. Die unterirdische Siedlung ist größer als die oben!! 

Und ALLES wurden von den jeweiligen Bewohnern selbst ausgegraben und gestaltet. Der Muschelkalk-Aushub wurde zum verbessern des Ackerbodens benutzt. Echt irre!
Insgesamt waren es etwa 48 bewirtschaftete Bauernhöfe, der älteste aus dem 13.Jhd., die jüngste Anlage aus dem 19.Jhd.
Wir besichtigen staunend zwei davon. Das letzte hier verbliebene Paar züchtete Angorahasen und lebte vom Ertrag der Wolle.

Seit ihrem Tod 1962 blieben die Räume unbewohnt. 
Als Museum hergerichtet spazieren wir durch Schlaf- und Wohnräume, durch Küchen, Keller, Innenhöfe und Ställe.

Ausgeklügelte Belüftungsschächte halfen bei der Zirkulation der Frischluft, die Backöfen haben den Kamin ungewöhnlicherweise direkt vor der Ofentüre platziert, damit der Rauch gleich abziehen konnte.

Zur Arbeitserleichterung findet sich beim Weinkeller sogar ein ‘Traubenabwurfschacht’. Unten gekommen wurde sie dann gepresst, gekeltert und gelagert. 

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes COOL hier. Bei Temperaturen von ca. 8-10 Grad, in den inneren Räumen sogar nur 6 Grad, bekommen wir einen tollen Einblick in die unterirdische Vergangenheit.

L’helice Terrestre de l’Orbière

Eher gegenwärtig und sogar visionär wird es bei der nächsten unterirdischen Welt. Die L’helice Terrestre. 
Geschaffen vom französischen Künstler und Architekten Jacques Warminski. Installiert im alten Höhlendorf in L’Obière. Die Idee: Das Oben mit dem Unten, das Außen mit den Innen, das Sein mit dem Werden zu verbinden. 
Wiederum ist unser Ziel ziemlich abgelegen und zunächst unscheinbar. 
Ein sehr freundlicher Franzose heißt uns Willkommen. Er verschwindet in einem ‘Höhlen-Kassen-Häusel’ – 6,50€ pro Nase…hm…Alles wirkt etwas improvisiert oder sagen wir mal: sehr künstlerisch;))
Wir erfahren, das er, der nette Herr, schon seit 20 Jahren in dieser abgelegenen Erdwohnung lebt. Ein bisschen kommt er uns vor wie ‘Der Hüter des Grals’;) 

Zunächst führt er uns in eine Art ‘Club’. Bei schummrig-buntem Licht und bester Akustik fand hier schon mancher Event statt… 

Mit viel Enthusiasmus erklärt er wie Jacques Warminski hier gelebt und gearbeitet hat. Wir verständigen uns mit einem Mix aus Englisch-Französisch-Mimik-Gestik;) 

So werden wir schon gut darauf eingestimmt, mit allen Sinnen wahrzunehmen*grins*. Wie sich herausstellt, das perfekte Intro für das was danach kommt.

Als alleinige Besucher und völlig ungestört, dürfen wir die unglaublich beeindruckende Arbeit erleben.

Zunächst zeigt sich uns ‘nur’ ein, mit ‘heraustretenden Formen’ gestalteter, etwas in die Jahre und Verwitterung gekommener immer enger werdender, gewundener Treppenabgang.
Material: Beton und Holz…Okay, nicht schlecht…hm….Wir fotografieren… gucken… die Begeisterung hält sich etwas in Grenzen…

Unten an der ‘Treppenschraube’=L’helice angekommen öffnet sich vor uns ein Höhleneingang… Wir schreiten durch und es beginnt eine fantastische Reise in eine völlig andere Welt…Die Welt eines Fantasten!

Jetzt als größer werdende Schraube winden sich mehrere in sich verschlungene Gänge ca 8 Meter tief unter die Erde! Von mystischen, ja, spirituellen Formen begleitet, gelangen wir staunend in kleine und große Säle. Völlige Begeisterung und Respekt vor dieser grandiosen Leistung macht sich breit!!

Alles ist geschwungen, gestaltet und rund. Hier unten sind alle Formen nach ‘innen gearbeitet’. Der Künstler selbst sagt: Es sind die Formen des Echos. Und tatsächlich ist das Klangerlebnis innerhalb dieser unglaublich abwechslungsreich gestalteten Wänden und Decken einzigartig! Töne werden auf ganz besondere Weise verstärkt, verändert…. In einem eher kleineren, ganz glatten und dunklen  Ei-Saal, der ‘Sphäre’, ist der Klang unfassbar! Jeder Atemzug, jedes Flüstern wird laut hörbar! – Ein Kunstwerk ohnegleichen! Ein bleibendes Lebenswerk, geschaffen von einem Visionär und, so sagt man, Menschenfreund, der im Alter von 50 Jahren während der Arbeiten an seinem Werk an Herzversagen gestorben ist.

Gemeinsam mit 4-5 seiner Schüler hat er dieses grandiose ‘Mit-Allen-Sinnen-Erlebnis’ in den Jahren 1988 bis 1993 erschaffen. Vielen Dank Herr Warminski es war uns eine große Freude. Eine echte Sinnes-Erweiterung und wie wir finden: letztendlichgenial;)

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